{"id":1243,"date":"2026-02-25T11:47:49","date_gmt":"2026-02-25T09:47:49","guid":{"rendered":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/?page_id=1243"},"modified":"2026-03-03T17:13:05","modified_gmt":"2026-03-03T15:13:05","slug":"abgruende","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/abgruende\/","title":{"rendered":"Abgr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p>Seit Wochen &#8211; es ist Ende Februar 2026 &#8211; befinden sich gr\u00f6\u00dfere Teile der Welt in einer Art Dauergruselzustand. Eine neue Tranche der &#8222;Epstein-Files&#8220; wurde vom US-amerikanischen Justizministerium online gestellt, teils geschw\u00e4rzt zwar, aber immer noch mit einer un\u00fcberschaubaren Menge an Material.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem herrscht Entsetzen. Das Entsetzen ist v\u00f6llig verst\u00e4ndlich, und mir geht es auch nicht anders. Es geht um verkaufte Kinder, um Orgien, v\u00f6llige Menschenverachtung. Vertreter der globalen Elite, verwickelt in Taten, die eigentlich gar nicht wahr sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem greift es zu kurz.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits bin ich froh \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung, denn von nun an kann niemand mehr sagen, man habe ja nichts gewusst. Bei ver\u00f6ffentlichten Berichten von Betroffenen, etwa von Fiona Barnett (&#8222;Eyes Wide Open&#8220;), blieb bisher auch bei mir ein kleiner Rest Zweifel \u00fcbrig: kann das wirklich sein? Die Epstein-Files dagegen enthalten Mailtraffic, Flugdaten, Notizen. Inhalt dieser Art war nie zur Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, ihm fehlt deshalb die Absicht, die Orientierung auf den beim Schreiben einer zuk\u00fcnftigen Ver\u00f6ffentlichung immer mitgedachten Leser. In der Sprache der Geschichtstheorie: &#8222;\u00dcberreste&#8220; (im Sinne von unabsichtlichen Zeugnissen) versus &#8222;Tradition&#8220; (im Sinne von interpretierender Darstellung).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Ver\u00f6ffentlichung durch das Justizministerium dann doch Interpretation dar\u00fcberlegt, in Form von Darstellung, Auswahl wie von Schw\u00e4rzungen, ist eine andere Sache. Und nat\u00fcrlich l\u00e4sst auch der Inhalt der Mails erheblichen Spielraum f\u00fcr Interpretation (von &#8222;meinen die das wirklich w\u00f6rtlich?&#8220; bis hin zum Gegenteil: &#8222;wof\u00fcr steht dieses Codewort?&#8220;). Drittens d\u00fcrften au\u00dferdem erhebliche Mengen an Fakes durch die sozialen Medien geistern.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Strich bleibt aber: die Files &#8211; jedenfalls die auf der Seite des Justizministeriums &#8211; sind absolut ernstzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt: das Entsetzen ist eine v\u00f6llig nat\u00fcrliche Reaktion auf den Inhalt dieser Files, und mir geht das ganz genauso. Eigentlich ist Entsetzen fast noch ein zu schwaches Wort. Es sind unvorstellbare Abgr\u00fcnde, die sich da auftun.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber andererseits liegt genau darin auch eine Gefahr, gerade aus europ\u00e4ischer und deutscher Perspektive. Die Gefahr besteht darin, dass man glaubt, alles drehe und wende sich um eine einzige zentrale Figur, die auch noch erstens tot und zweitens weit weg ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Entsetzen, das viele gerade umtreibt, ist das Entsetzen vor dem, was irgendwo da drau\u00dfen ist, nicht vor dem, was \u00fcberall unter uns ist. So Kommentare wie &#8222;wenn das meiner Tochter passieren w\u00fcrde &#8230;&#8220; denken irgendwo im Hintergrund mit, dass es der Tochter ja nicht passiert, weil die ist ja hier und nicht da drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lars Koehne, ein Schamane, den ich sehr sch\u00e4tze, hat wenige Tage nach Ver\u00f6ffentlichung der Files einen Hashtag unter einen diesbez\u00fcglichen Post gesetzt, &#8222;nichtmeinstamm&#8220;. Ich unterstelle ihm definitiv nicht, dass er es so meint, aber der Hashtag kann wieder zu kurz gegriffen verstanden werden: ich habe damit nichts zu tun, ich will damit nichts zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder diejenigen, die beispielsweise zu einem vor wenigen Tagen erschienenen, h\u00f6renswerten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5jFXBLU3qLk\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5jFXBLU3qLk\">Interview<\/a> mit der Traumatherapeutin Michaela Huber kommentieren, sie h\u00e4tten das Zuh\u00f6ren abgebrochen, weil es so furchtbar sei. Ja, ist es. Das Furchtbare geht allerdings nicht weg, wenn man sich abwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und irgendwo ist da immer ein &#8222;ich hier&#8220; und &#8222;da die f\u00fcrchterlich armen Opfer&#8220;. Eine Distanzierung. Nur: solange wir in dem Entsetzen h\u00e4ngen, sehen wir die Betroffenen letztlich genauso wenig wie vorher. Was in der Gesellschaft v\u00f6llig fehlt, ist die Erkenntnis, dass diese Betroffenen mitten unter uns sind. Sein m\u00fcssen. Denn auch die T\u00e4ter sind mitten unter uns, es ist ja nicht nur die globale Elite beteiligt. Und ich habe mich schon manchmal gefragt, wieviele von denen, die da jetzt so v\u00f6llig entsetzt kommentieren, selbst Betroffene sind, ohne das zu wissen, weil die Erinnerung komplett dissoziiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzigen, die das Ausma\u00df und die Tragweite wirklich ansprechen, sind zum einen diejenigen \u00dcberlebenden selbst, die sich erinnern (was wie gesagt bei weitem nicht alle tun!), und die so weit Heilung gefunden haben, dass sie ihre Stimme erheben k\u00f6nnen (auch das d\u00fcrfte eine kleine Minderheit sein), wie etwa bei einer Demo von \u00dcberlebenden letzte Woche in Berlin. Und zum anderen sind es diejenigen, die als Therapeuten oder Heiler mit dem Thema konfrontiert werden, immer wieder gezwungen, ihren eigenen Bezugsrahmen, ihre eigene Wahrnehmung immer noch weiter auszudehnen auf das, was eigentlich un-denkbar, un-vorstellbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist es entscheidend wichtig, auf allen verf\u00fcgbaren gesellschaftlichen Ebenen daf\u00fcr zu sorgen, dass diese Dinge eben nicht passieren. Aber zumindest aus meiner pers\u00f6nlichen Perspektive steht etwas anderes im Vordergrund. In allererster Linie braucht es diejenigen, die sich ber\u00fchren lassen, anstatt in die Abwehr zu gehen. Die den Raum halten f\u00fcr die Betroffenen. Die sie sehen, die ihnen glauben, die das Geh\u00f6rte und Gesehene bezeugen &#8211; immer und immer wieder bezeugen -, die im Kreis stehen und all das halten, was eigentlich un-haltbar ist. Die f\u00fcr das Leben k\u00e4mpfen. Immer und immer wieder. Die sich um die zersplitterten Seelen k\u00fcmmern. <em>Das<\/em> ist mein Stamm.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Wochen &#8211; es ist Ende Februar 2026 &#8211; befinden sich gr\u00f6\u00dfere Teile der Welt in einer Art Dauergruselzustand. Eine neue Tranche der &#8222;Epstein-Files&#8220; wurde vom US-amerikanischen Justizministerium online gestellt, teils geschw\u00e4rzt zwar, aber immer noch mit einer un\u00fcberschaubaren Menge an Material. Seitdem herrscht Entsetzen. 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