{"id":261,"date":"2025-05-04T12:28:10","date_gmt":"2025-05-04T12:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/?page_id=261"},"modified":"2025-05-24T19:58:46","modified_gmt":"2025-05-24T17:58:46","slug":"kriegerin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/kriegerin\/","title":{"rendered":"Kriegerin"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p>&#8222;You are a warrior&#8220;, sagte vor einiger Zeit jemand zu mir: &#8222;Du bist eine Kriegerin.&#8220; Dieser Satz wurde in den folgenden Wochen und Monaten so etwas wie ein Kristallisations- oder Verkn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr alle m\u00f6glichen Fragmente, so wie Puzzlest\u00fccke, die pl\u00f6tzlich an ihren Platz fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist ein Stab. Urspr\u00fcnglich, vor Jahren, damals in Pfaffing, war er ein Geschenk, mir in die Hand gedr\u00fcckt mit den Worten: &#8222;Damit kommst du \u00fcberall hin.&#8220; Er stand jahrelang an meinem Altar, ohne dass klar wurde, was genau seine Rolle war &#8211; bis er in meinen Reisen auftauchte und immer mehr zur Verbindung zu meiner ureigenen Kraft wurde, tief verwurzelt auf beiden Seiten des Zauns und verbunden mit dem Netzwerk des Lebens. Und auch wenn dieser Stab \u00e4u\u00dferlich wesentlich weniger hermacht als der von Gandalf, muss ich in diesem Zusammenhang oft an die Szene auf der Br\u00fccke von Moria denken: &#8222;You shall not pass!&#8220; Gandalf tut das, was in diesem Moment not-wendig ist &#8211; um die Not zu wenden -, das, was richtig ist, und zwar im vollen Bewusstsein, dass er selbst m\u00f6glicherweise einen Preis daf\u00fcr zu zahlen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sind weitere Szenen aus B\u00fcchern oder Filmen, die sich um dasselbe Thema drehen und die ebenso in dieser Zeit auftauchen, &#8222;3:10 to Yuma&#8220; beispielsweise; in gewisser Weise auch &#8222;I Shot the Sheriff&#8220;, ein St\u00fcck, das mir in der Version von Eric Clapton immer schon sehr nahe war.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist &#8222;zuf\u00e4llig&#8220; in genau diesen Tagen ein Frauenkreis, der sich um den Archteyp der Kriegerin dreht. Wir sollen uns unsere Kriegerin innerlich vorstellen, und wieder fallen mir mein Stab und Gandalf ein. Eine Teilnehmerin erz\u00e4hlt, sie sei eigentlich immer gezwungen gewesen, die Kriegerin zu leben, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen; &#8222;ich wei\u00df, wie man mit einem Messer umgeht&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht um Gewalt um der Gewalt willen, das mit Sicherheit nicht, und Gewalt ist auch etwas, was mir grunds\u00e4tzlich sehr fern liegt. Doch in der Sache mit der Kriegerin gibt es eine Ebene, bei der es ums \u00dcber-Leben geht. Weiter gefasst geht es darum, mich f\u00fcr das Leben zu entscheiden, bewusst, immer und immer wieder, auch und gerade angesichts der Geschichten, auf die ich in den vergangenen zwei, drei Jahren gesto\u00dfen bin. Trotz alledem mich immer wieder f\u00fcr das Leben zu entscheiden. Als ich bei dieser Erkenntnis angelangt bin, kehrt innerlicher Frieden ein: &#8222;Ja, es ist so, und ich stimme dem zu.&#8220; Fast wie in einer R\u00fcckkopplung f\u00e4llt es mir dann zeitweilig auch leichter, die Geschichten selbst zu akzeptieren. Irgendwie muss es so sein. Ich lebe. Ich kann all dem entgegensetzen, dass ich \u00fcberlebt habe, dass ich trotzdem lebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zumindest phasenweise ist da auch tiefe, ger\u00fchrte Dankbarkeit, jene, von der mein fr\u00fcherer Lehrer einmal gesagt hat: &#8222;Das ist die Dankbarkeit, die von Gott kommt.&#8220; <em>Ich diene dem Leben<\/em>. Das ist der Kern, und ich bin so dankbar, dort endlich angekommen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung f\u00fcr das Leben und f\u00fcr das Kriegerin-Sein: beides ist relevant, beides geh\u00f6rt zusammen. Beides bedeutet auch, die Geschichten zu akzeptieren. Egal, ob diese Geschichten biographisch gesehen &#8222;meine&#8220; sind oder nicht, in der schamanischen Arbeit habe ich sie erlebt, bin ich durch die dazugeh\u00f6rigen Emotionen hindurchgegangen. Dadurch sind es meine Erfahrungen &#8211; und die Geschichten damit dann eben doch meine.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kern geht es jedes Mal darum, <em>das Richtige zu tun<\/em>, ohne R\u00fccksicht auf den Preis, der daf\u00fcr zu zahlen ist. Das gilt sowohl im Umgang mit diesen Geschichten als auch, in einem weiteren Sinne, f\u00fcr das schamanische Arbeiten und die Arbeit als Begleiterin, und auch f\u00fcr das Wie dieses Arbeitens. Manchmal werde ich da wohl tats\u00e4chlich auch als Kriegerin wahrgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist da in einer Zeremonie eine Situation, in der es darum geht, Teile von mir, von meiner Seele zur\u00fcckzuholen. Es f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde ich versuchen, mich selbst in meinen K\u00f6rper hineinzupressen, und es braucht immense Mengen von Energie, mehr als ich selbst in diesem Moment zur Verf\u00fcgung habe. Sehr spontan sage ich zu Odin, der in den vergangenen Jahren in diesen Zeremonien immer wieder aufgetaucht ist und mich auch mehrfach unterst\u00fctzt hat: &#8222;Wenn du willst, dass ich f\u00fcr dich k\u00e4mpfe, dann brauche ich deine Hilfe daf\u00fcr, diese Teile zur\u00fcckzubekommen.&#8220; Irgendwie hilft das, und in diesem Moment wird mir klar, dass ich gerade eine Entscheidung getroffen habe: ja, ich bin eine Kriegerin. Ich tue das, was notwendig ist, <em>das Richtige<\/em>, ich k\u00e4mpfe f\u00fcr das Leben, egal, was es mich kostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter in derselben Zeremonie kommt etwas, was ich kaum anders denn als Vision bezeichnen kann, gerade weil es so v\u00f6llig unerwartet war und auch nur indirekt etwas mit der Frage zu tun hatte, die ich mir in diesem Moment stellte. Da ist ein kleiner Kreis von Menschen, sie stehen mit dem Gesicht nach au\u00dfen. Der Rest des Bildes bleibt unklar, aber das damit verbundene Gef\u00fchl ist absolut eindeutig und \u00e4ndert sich nicht, obwohl ich das Ganze mehrfach \u00fcberpr\u00fcfe. Es f\u00fchlt sich an, als w\u00e4re dieser Kreis so etwas wie das letzte Bollwerk, der letzte Au\u00dfenposten der Zivilisation oder der Menschheit, w\u00e4hrend drumherum buchst\u00e4blich alles zusammenbricht. Diese Menschen stehen da, tun ihr Bestes, als Gemeinschaft ebenso wie als Individuen, sie k\u00e4mpfen f\u00fcr das Leben, besch\u00fctzen es, ohne R\u00fccksicht auf die Kosten f\u00fcr sie selbst. Dabei ist ihnen zutiefst bewusst, dass es keinerlei Hoffnung gibt &#8211; und doch k\u00e4mpfen sie, &#8222;they are going down fighting&#8220;, <em>weil es das Richtige zu tun ist<\/em> und letztlich die einzige M\u00f6glichkeit. In der Zeremonie w\u00fcnsche ich mir &#8222;De Guello&#8220;, weil dieser Titel wieder genau dieses Gef\u00fchl und auch den Schmerz und die Sehnsucht darin ausdr\u00fcckt, hier im Zusammenhang mit der Geschichte um den Alamo. Irgendwann schaue ich hoch und sehe zu meiner \u00dcberraschung im Dachfenster, dass es drau\u00dfen noch hell ist, und es ist gleichzeitig so unendlich traurig und irgendwie auch tr\u00f6stlich. Ein weiterer Musiktitel, der mir einf\u00e4llt, noch einmal Clapton, &#8222;Knockin&#8216; on Heaven&#8217;s Door&#8220;: &#8222;It&#8217;s getting dark, too dark to see&#8220;. So sehr weine ich, Wellen um Wellen um Wellen, ich trauere um all das, was wir unvermeidlich verlieren werden, und gleichzeitig wei\u00df ich, dass ich eben nicht weinen werde, wenn es denn soweit sein wird, sondern das tun, was notwendig ist. Und auch das ist Teil der Entscheidung f\u00fcr das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Zeremonie, einige Wochen sp\u00e4ter. Die Musik f\u00fchrt mich in eine Szene zur\u00fcck, auf die ich ein halbes Jahr zuvor gesto\u00dfen war und damals nicht verstanden hatte. W\u00e4hrend der Belagerung von Akkon 1291, beim Fall des letzten christlichen Au\u00dfenpostens im Heiligen Land, stand ich, als einer der Verteidiger, auf der Festungsmauer, st\u00fcrzte mich, die Arme weit zur Seite ausgebreitet, von dort in den Tod, mich f\u00fcr die Christenheit opfernd, weil die Lage vollkommen hoffnungs- und ausweglos war. Eine kleine Gruppe hat auf verlorenem Posten f\u00fcr die Zivilisation (oder genauer, f\u00fcr das, was diese Gruppe daf\u00fcr hielt) gek\u00e4mpft, weil aus ihrer Sicht <em>das zu tun das Richtige war<\/em>, unabh\u00e4ngig von dem Preis, der pers\u00f6nlich daf\u00fcr zu zahlen war. Und paradoxerweise ging auch damit eine Entscheidung f\u00fcr das Leben einher.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie ist es, als h\u00e4tte ich mich vor langer, langer Zeit f\u00fcr dieses Dasein als Kriegerin entschieden, und als h\u00e4tte ich seitdem immer und immer wieder, in vollem Bewusstsein der kompletten Hoffnungslosigkeit und des zu zahlenden Preises, f\u00fcr die Zivilisation und f\u00fcr das Leben gek\u00e4mpft. Immer wieder hatte ich diese Aufgabe, immer wieder habe ich mich daf\u00fcr entschieden. (Oh ja. In diesem Leben bin ich keine Christin und sehe sehr wohl die Problematik, die in den Kreuzz\u00fcgen steckt. Auch das eine Lehre: Zivilisation ist etwas sehr Relatives.)<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist noch ein Aspekt, der sich fr\u00fcher schon angedeutet hatte und in dem Bild mit dem Kreis von Menschen seinen klaren Ausdruck findet. Ich kann das nicht alleine, es geht nicht alleine. Ich brauche &#8211; und da schlie\u00dft sich der Zirkel zu meinem <a href=\"https:\/\/zaunreiterin.eu\/licht\/\" data-type=\"page\" data-id=\"268\">vorigen Text &#8222;Licht&#8220;<\/a> &#8211; einen Kreis, einen Stamm von Menschen, Menschen, die Zeugen sind und mir helfen, die erw\u00e4hnten Geschichten zu halten. Teilweise geht das so weit, dass diese Geschichten sozusagen zu den anderen in diesem Kreis hin\u00fcberschwappen, und ich bin unendlich dankbar f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung dabei. Als Kriegerin brauche ich einen Stamm. Auch wenn vielleicht alles verloren ist, muss ich doch wissen, dass ich nicht alleine da stehe, wenn ich f\u00fcr das Leben k\u00e4mpfe. Und ich brauche ein Zuhause, zu dem ich zur\u00fcckkehren und von dem aus ich wieder aufbrechen kann, auch f\u00fcrs schamanische und verwandte Arbeiten. So ging es mir, als ich von dem Wochenende mit dem &#8222;you are a warrior&#8220; wieder nach Hause kam und mich in der Tat f\u00fchlte wie eine m\u00fcde Kriegerin. Noch ein letzter Musiktitel, dieses Mal aus &#8222;Supernatural&#8220;, einer Serie, bei der es letztlich auch wieder um genau einen solchen Kreis und den Kampf f\u00fcr das Leben geht: &#8222;Carry on Wayward Son&#8220; mit der Zeile &#8222;Lay your weary head to rest&#8220;. Genau. Und f\u00fcr all diese Sorten Zuhause bin ich zutiefst dankbar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"345\" src=\"https:\/\/zaunreiterin.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/wolf_rabe.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-265\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>(Fr\u00fchjahr 2023)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;You are a warrior&#8220;, sagte vor einiger Zeit jemand zu mir: &#8222;Du bist eine Kriegerin.&#8220; Dieser Satz wurde in den folgenden Wochen und Monaten so etwas wie ein Kristallisations- oder Verkn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr alle m\u00f6glichen Fragmente, so wie Puzzlest\u00fccke, die pl\u00f6tzlich an ihren Platz fallen. Da ist ein Stab. 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