{"id":270,"date":"2025-05-04T12:31:33","date_gmt":"2025-05-04T12:31:33","guid":{"rendered":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/?page_id=270"},"modified":"2025-05-24T19:32:12","modified_gmt":"2025-05-24T17:32:12","slug":"einsamkeit-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/einsamkeit-2\/","title":{"rendered":"Einsamkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p>Als Kind war ich einsam. Einzelkind (nat\u00fcrlich &#8211; von meinem Zwillingsbruder wusste niemand etwas). Das Elternhaus von einem dominanten Vater und einer unsicheren Mutter gepr\u00e4gt. Intellekt war erlaubt, emotionaler Ausdruck hingegen nicht. Wenig Kontakt zur ohnehin nur sp\u00e4rlich vorhandenen Verwandtschaft. Durchg\u00e4ngig Klassen- und Jahrgangsbeste in der Schule. Eher B\u00fccherwurm als Stra\u00dfenkind. War ich auf Geburtstagen eingeladen, sa\u00df ich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit einem Buch in der Ecke, w\u00e4hrend die anderen spielten. Im Gymnasium gab es dann eine beste Freundin, in deren Familie ich die Lebendigkeit der Kommunikation untereinander bestaunt habe. Alle anderen habe ich eher mit Hausaufgaben oder Erkl\u00e4rungen beliefert, als dass sie wirkliche Freunde gewesen w\u00e4ren. Selbst in dem M\u00e4dchen- bzw. Juniorinnendoppelvierer mit Steuerfrau, in dem ich jahrelang in wechselnden Besetzungen gerudert bin, war ich immer so eine Art f\u00fcnftes Rad am Wagen. Doch fand ich, ich h\u00e4tte mich mit all dem ziemlich gut arrangiert. Es war halt so, und ich kam damit zurecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch heute sitze ich lieber mit einem Buch auf dem Balkon, als mich unters Volk zu mischen. Ich arbeite vorwiegend allein, habe aber immerhin gelernt, lockere Netzwerke zu sch\u00e4tzen und zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht Einsamkeit, wohl aber Getrenntsein ist so etwas wie eine anthropologische Konstante. Leben ist Getrenntsein. Die Geburt trennt uns von dem Wesen, mit dem wir bis dahin innigst verbunden waren. Sie zwingt unseren gesamten Organismus, von einem Moment auf den anderen alleine zu atmen, den Stoffwechsel in Gang zu halten, mit den unmittelbaren Anforderungen der Umwelt zurechtzukommen. Gleichzeitig aber sind Menschen, biologisch gesehen, unreife Fr\u00fchgeburten. W\u00e4hrend bei vielen Tierarten der Nachwuchs sofort laufen und vielleicht sogar ziemlich bald selbst f\u00fcr Futter sorgen kann, bed\u00fcrfen die Menschenkinder viele Jahre lang der intensiven Betreuung. Und auch ein Erwachsener, in der steinzeitlichen Wildnis auf sich allein gestellt, h\u00e4tte wenig Chancen. Wir Menschen sind f\u00fcr unser \u00dcberleben auf den Zusammenhalt der Gruppe angewiesen. Aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden, bedeutete fast automatisch den Tod. Nicht von ungef\u00e4hr wurden auf Island Verbrecher einfach ins unwirtliche Hochland verbannt; nur die allerwenigsten \u00fcberlebten dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Einsamkeit ist t\u00f6dlich, buchst\u00e4blich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einigen Jahren habe ich das am eigenen Leib erfahren. Da war ein Umfeld, in dem ich vertraut habe, in dem ich mich und mein Herz ge\u00f6ffnet habe &#8211; so weit es mir damals m\u00f6glich war. Und dann hat die Gruppe sich gegen mich gewendet. Es tut hier nichts zur Sache, was genau oder warum das geschehen ist, und auch nicht, dass ich den Beteiligten bis heute tats\u00e4chlich zutiefst dankbar bin f\u00fcr die Erfahrungen, die dadurch m\u00f6glich wurden und immer noch werden. Ich will darauf hinaus, dass ich aus der Gruppe ausgeschlossen wurde. Nicht offen, sondern sehr subtil. Den Protagonisten d\u00fcrfte es nicht einmal bewusst gewesen sein. Mir aber haben die Vorg\u00e4nge eine energetische Wunde geschlagen, die jetzt, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, immer noch sp\u00fcrbar ist. Und ich habe Jahre gebraucht zu verstehen, dass dieses Ausgeschlossenwerden aus der Gruppe mir tats\u00e4chlich fast ans Leben gegangen w\u00e4re. Nicht nur, weil ich aus lauter Verzweiflung nicht allzu weit davon entfernt war, von der Br\u00fccke zu springen, sondern weil damit genau diese Ur-Angst und Ur-Verletzlichkeit des Menschen in einer potenziell feindlichen Wildnis reaktiviert wurde. Ich hatte ein Zuhause verloren, und das f\u00fchrte direkt in die Einsamkeit &#8211; und beinahe in den Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dem schamanischen Arbeiten wohnt ein genereller Zwiespalt inne. Einerseits geht es um Verbindung und Verbundenheit. Ich habe lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass es vor allem die Sehnsucht nach Verbundenheit &#8211; mit mir, mit der Erde, mit allem &#8211; ist, die mich ins schamanische Arbeiten zieht. Andererseits macht schamanisches Arbeiten einsam, weil es schwierig ist, die oft doch recht krassen Erlebnisse mit jemandem zu teilen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das eigene Erleben zu finden; und auch, weil F\u00fchrung, die F\u00fchrung einer Gruppe beispielsweise, automatisch Einsamkeit mit sich bringt. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang sogar auch andersherum: schamanisches Arbeiten setzt Einsamkeit voraus. Meine Geister haben all das einmal so ausgedr\u00fcckt: &#8222;Du bist vollkommen allein.&#8220; Was ich zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht witzig fand, nachdem ich doch gerade erst begriffen hatte, dass es mir um Verbundenheit ging.<\/p>\n\n\n\n<p>So weit, so gut. Erst einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber war da vielleicht noch mehr? In Filmen und Geschichten ber\u00fchrten mich immer diejenigen Szenen tief, die im Kern von Einsamkeit erz\u00e4hlten. Das Ende des Titanic-Films. Die H\u00fcndin Lassie, die nach Hause findet. Oder auch ein Satz von jemandem irgendwo in den Sozialen Medien, bezogen auf &#8222;Memory&#8220; aus &#8222;Cats&#8220;: &#8222;Die alte Katze, die schlaflos in der Nacht auf den neuen Morgen wartet und auf die Hand, die sie ein bisschen streichelt &#8230;&#8220; Der Satz traf mich, v\u00f6llig unvorbereitet, mitten ins Herz (so sehr, dass er in einer Datei mit dem Titel Einsamkeit auf meinem Rechner landete). Er tut es auch jetzt beim Schreiben wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Und immer wieder stie\u00df ich in Sessions in Tiefentrance auf Einsamkeit. Auf einen Ozean aus Einsamkeit, leer, ohne Ufer oder Halt, niemals und nirgendwo endend. Ebenso regelm\u00e4\u00dfig war es von dort nur ein sehr kleiner Schritt zu Aufgabe, Dissoziation und Tod, bis hin zu einem Punkt, an dem die Welt um mich herum anfing zu schrumpfen und immer stiller zu werden (und ich bin bis heute nicht sicher, ob ich in der Session nicht vielleicht wirklich &#8211; physisch &#8211; gestorben w\u00e4re, wenn ich an dieser Stelle noch einen Millimeter weitergegangen w\u00e4re). In der Erfahrung mit dem Verlust meines Zwillingsbruders ging mir das so und als ich herausgefunden habe, dass mich niemand im Leben willkommen gehei\u00dfen hat. Der Begleiter dieser Sessions kommentierte eines meiner \u00e4lteren Protokolle einmal mit der Bemerkung, das gesamte Protokoll hinterlie\u00dfe in ihm den Eindruck einer gro\u00dfen Einsamkeit, des Nichtgesehenwerdens und der vielen Bem\u00fchungen um das Gesehenwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu allem \u00dcberfluss bin ich jetzt auch noch auf Missbrauch gesto\u00dfen. Jahrelang habe ich gesagt, nein, da war definitiv nichts. Doch fast jedes Mal in den Sessions fing mein K\u00f6rper an zu reagieren in einer Form, die immer nach Abwehr und Fluchtversuchen aussah. Nie aber konnte das wirklich einer konkreten Geschichte zugeordnet werden, und \u00fcber Jahre hinweg blieb es ein R\u00e4tsel, was der Grund f\u00fcr diese Reaktionen war. Vor einigen Wochen gab nun es erstmals konkretere Bilder, die eine Verortung in Raum und Zeit m\u00f6glich machen. Und au\u00dfer Entsetzen und Abscheu war ein bestimmtes Gef\u00fchl vorherrschend: das Gef\u00fchl, betrogen worden zu sein, was wiederum erneut in die Einsamkeit f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Missbrauch f\u00fchrte damals in die Einsamkeit, und heute tut er das ebenso. Denn damit verbunden ist ein tief verankertes, immens schwer zu \u00fcberwindendes Verbot, der Erfahrung Ausdruck zu geben, damit gesehen zu werden. Dar\u00fcber hinaus habe ich Angst, Menschen davon zu erz\u00e4hlen, weil ich bef\u00fcrchte, dass mir nicht geglaubt wird &#8211; dass ich zur\u00fcckgewiesen, nicht ernstgenommen werde. Selbst jemand, der meinen fr\u00fcheren Berichten \u00fcber die Sessions immer mit gro\u00dfer Anteilnahme gefolgt ist, hat dann gesagt: &#8222;Ich m\u00f6chte dir gern glauben.&#8220; Zwar stellte sich sp\u00e4ter heraus, dass der Satz anders gemeint war, aber f\u00fcr mich hie\u00df das in diesem Moment: mir wird nicht geglaubt. Doch w\u00e4re es so dringend notwendig, das auszudr\u00fccken, was da ist. Es w\u00e4re so dringend notwendig, dass jemand da ist, der f\u00fcr mich den Raum h\u00e4lt, der mich h\u00e4lt, denn ich selbst schaffe das im Moment oft nicht. Auch das ist Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer geht es schlussendlich darum, all dies bedingungslos und in seiner ganzen Tiefe zu akzeptieren &#8230; und von dort aus die bewusste Entscheidung f\u00fcr das Leben zu treffen, in aller Hingabe (das englische Wort gef\u00e4llt mir besser: surrender), Sch\u00f6nheit und Klarheit. In einem meiner Session-Protokolle hei\u00dft es: &#8222;Letztlich habe ich in dieser Nacht eine Entscheidung f\u00fcr das Leben getroffen. Eine Entscheidung f\u00fcr das Leben, die sich v\u00f6llig bewusst ist, dass diese Einsamkeit alles durch\u00addringt und im Grunde nicht &#8218;heilbar&#8216; ist, und die das zutiefst akzeptiert. Ich meine damit nicht eine Einsamkeit, die sich in irgendeiner Form im t\u00e4glichen Leben zeigen w\u00fcr\u00adde, sondern eine sehr viel grundlegendere, die da ist, so wie meinetwegen das Universum halt da ist. Ohne das Universum w\u00e4\u00adre das Leben nicht denkbar, es existiert kein Leben &#8218;au\u00dferhalb&#8216; des Universums. Ungef\u00e4hr so ist das mit dieser Einsamkeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Tage habe ich noch etwas verstanden. Einsamkeit scheint nicht nur ein Lebensthema zu sein, sondern auch eine Aufgabe. Es ist, als h\u00e4tte meine Seele sich diese Inkarnation ausgesucht, um diesen Zustand in all seinen Aspekten zu erfahren, mit allen Situationen, die dorthin f\u00fchren k\u00f6nnen. Diese Erkenntnis war einerseits eine Erleichterung, weil so ein gewisser Sinn in all dem erkennbar wird. Andererseits f\u00fchrte sie unmittelbar in einen kompletten Zusammenbruch der Kraft, weil darin gleichzeitig eine tiefe Hoffnungslosigkeit liegt, eine Unausweichlichkeit: es gibt nichts au\u00dferhalb dieser Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nur die M\u00f6glichkeit, damit zurechtzukommen. Mich bewusst f\u00fcr eben dieses Leben zu entscheiden. Ja zum Leben zu sagen. Das zu erfahren, was zu erfahren ansteht, und das zu heilen, was geheilt werden kann und soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal &#8222;Cats&#8220;: &#8222;If you touch me, you&#8217;ll understand what happiness is.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>(Winter 2019\/20)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Kind war ich einsam. Einzelkind (nat\u00fcrlich &#8211; von meinem Zwillingsbruder wusste niemand etwas). Das Elternhaus von einem dominanten Vater und einer unsicheren Mutter gepr\u00e4gt. Intellekt war erlaubt, emotionaler Ausdruck hingegen nicht. Wenig Kontakt zur ohnehin nur sp\u00e4rlich vorhandenen Verwandtschaft. Durchg\u00e4ngig Klassen- und Jahrgangsbeste in der Schule. Eher B\u00fccherwurm als Stra\u00dfenkind. 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