{"id":272,"date":"2025-05-04T12:32:40","date_gmt":"2025-05-04T12:32:40","guid":{"rendered":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/?page_id=272"},"modified":"2025-05-24T19:36:38","modified_gmt":"2025-05-24T17:36:38","slug":"die-entscheidung-zu-vertrauen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/die-entscheidung-zu-vertrauen\/","title":{"rendered":"Die Entscheidung zu vertrauen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich vertraue ich. Ich vertraue darauf, dass die S-Bahn f\u00e4hrt und die L\u00e4den zu den Gesch\u00e4ftszeiten offen haben. Ich vertraue darauf, im Fall von Schwierigkeiten jedweder Art irgendeine gangbare L\u00f6sung zu finden. Ich vertraue meinem Mann. Ich vertraue meinen Geistern, dass sie mich f\u00fchren und leiten. Ich geh\u00f6re definitiv nicht zu den Leuten, die jederzeit vom Eintreten der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Katastrophe ausgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kamen zwei Menschen und sagten, sie w\u00fcrden tief verwurzeltes Misstrauen und Angst in mir sehen. Monatelang habe ich das abgestritten, und ich war tats\u00e4chlich fest davon \u00fcberzeugt, dass die beiden Unrecht hatten. Nein, nat\u00fcrlich vertraue ich, und vor allem vertraue ich Euch! Ich kann mir keinen sichereren Rahmen vorstellen als den, den Ihr bietet. Ich sehe dieses Misstrauen und die Angst nicht, von der Ihr sprecht.<\/p>\n\n\n\n<p>So langsam kamen schlie\u00dflich doch die Fragen durch. Warum konnte ich mich meinen Eltern nie wirklich an-vertrauen? Warum meint meine Nachbarin, Kontrolle sei f\u00fcr mich so wichtig? Warum konnte ich mich in den Zeremonien mit meinem fr\u00fcheren schamanischen Lehrer nie vollst\u00e4ndig fallen lassen? Das ist in diesem Fall wirklich w\u00f6rtlich zu verstehen, denn ich bin als Klientin in all den vielen Amanita-Zeremonien immer schon dann umgefallen, wenn ich fand, es w\u00e4re genug, auf diese Weise die Kontrolle \u00fcber die Situation bewahrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Morgens wachte ich dann auf mit einem Satz im Kopf: &#8222;Ich vertraue niemandem.&#8220; Und es war v\u00f6llig klar, dass dieser Satz auf eine sehr fundamentale Art wahr ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter kam ein f\u00fcrchterlicher Moment, in dem die beiden oben genannten Menschen sagten, sie w\u00fcssten nicht so richtig, was sie mit mir anfangen sollten, weil ich auf Interventionen oft mit Schock und Einfrieren reagieren w\u00fcrde. Im selben Moment sp\u00fcrte ich, wie diese Bemerkung mir vollkommen den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzog, weil der Raum, den ich bis dahin als sicher betrachtet hatte, es pl\u00f6tzlich nicht mehr war. Ein Alarmprogramm lief an, ich ging sofort in den R\u00fcckzug, erwog beinahe, mich zu entschuldigen. Doch immerhin, es gab einen Unterschied zu fr\u00fcher, und insofern war die Bemerkung wirklich hilfreich: dieses Mal <em>sp\u00fcrte<\/em> ich tats\u00e4chlich die Ver\u00e4nderung, f\u00fchlte zu meinem gro\u00dfen Entsetzen in mir die Angst und das Misstrauen, die da waren, genau so, wie die beiden das fast ein Jahr zuvor gesagt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal einige Monate sp\u00e4ter, in einem vergleichbaren Kontext: In einer Zeremonie rief ich um Hilfe, doch, den Umst\u00e4nden geschuldet, kam keine. Weitere Situationen in dieser Nacht f\u00fchrten dazu, dass ich am Ende ernsthaft mein Recht bezweifelte, dort \u00fcberhaupt anwesend zu sein. Genaugenommen bezweifelte ich mein Recht zu leben. Und ich begriff, dass ich mein Vertrauen verloren hatte, auf eine so grundlegende Weise, dass mir in einer der folgenden Rederunden nichts \u00fcbrig blieb, als eben das in all meiner Verzweiflung, Offenheit und Ehrlichkeit mitzuteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nat\u00fcrlich blieb es nicht dabei. Wieder geriet ich in einer Zeremonie in eine Situation, in der ich dringend Hilfe brauchte. Aus der puren Notwendigkeit heraus entschied ich mich schlie\u00dflich daf\u00fcr, zu vertrauen und um Hilfe zu rufen, die dieses Mal dann auch tats\u00e4chlich kam. In derselben Nacht landete ich sp\u00e4ter erneut in der Einsamkeit und dem <em>Nichts<\/em>, in das ich am Anfang meines Lebens durch den Tod meines Zwillings geraten war. Dieses Mal war es mir m\u00f6glich, dieses <em>Nichts<\/em> bedingungslos zu akzeptieren, und ich verstand: Wenn ich mir des <em>Nichts<\/em> auf einer sehr fundamentalen Ebene bewusst bin, dann kann ich mich entscheiden, und zwar in jedem einzelnen Moment. Ich kann mich entscheiden, ob ich meiner lebenslangen Strategie folge und alleine stark bin &#8211; oder ob ich mich jemandem an-vertraue und die Dinge nicht alleine mache.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mit dem Vertrauen ist es ganz genauso. Ich kann &#8211; und ich muss, in jedem einzelnen Moment! &#8211; mich bewusst entscheiden: bleibe ich in dem Nicht-Vertrauen? Oder vertraue ich eben doch? Diese Entscheidung ist der zentrale Punkt, der, an dem dann tats\u00e4chlich auch Heilung m\u00f6glich ist. Oder eigentlich ist es andersherum: an diesem Punkt zeigt die Heilung sich darin, dass ich in der Lage bin, diese Entscheidung zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passt eine Passage, die ich vor einigen Jahren in einem Buch fand:<\/p>\n\n\n\n<p><small>&#8222;Er hatte die Wahl. (&#8230;) Er hatte die Wahl, weiter gegen das Leben anzuk\u00e4mpfen oder es zu akzeptieren. (&#8230;) Es war verdammt hart, aber er h\u00e4tte weiter dagegen ank\u00e4mpfen und sich weiter ungl\u00fccklich machen k\u00f6nnen. Stattdessen hat er beschlossen, sich bis an den Rand vorzuwagen und einen Blick in den Abgrund zu riskieren. Und er hat gesehen, was es zu sehen gibt, und entschieden, sich damit abzufinden. (&#8230;) Was manchmal wie eine Unterwerfung aussieht, ist in Wirklichkeit \u00fcberhaupt keine. Es geht um das, was in unserem Herzen geschieht, darum, dass wir den Weg des Lebens klar erkennen, ihn akzeptieren und ihm treu bleiben, wie stark der Schmerz auch sein mag, denn der Schmerz ist viel, viel gr\u00f6\u00dfer, wenn man sich selbst untreu wird.&#8220;<br>(Nicholas Evans: Der Pferdefl\u00fcsterer, M\u00fcnchen 1995, S. 384f.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich mich entscheide, wirklich entscheide in vollem Bewusstsein dessen was ist, dann endet der Kampf automatisch &#8211; und ich bin an dem Platz, der der meinige ist. Darum geht es, und nur darum. Meine Geister haben einmal gesagt: &#8222;Aller weltlicher Schmerz ist nichts gegen den geistigen, der entsteht, wenn jemand nicht an seinem Platz ist.&#8220; So schmerzhaft der Weg auch sein mag und so schwierig die Entscheidung zu vertrauen: am Ende wartet eine unermessliche Belohnung. Freiheit. Leben. Wir selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>(Herbst 2018)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstverst\u00e4ndlich vertraue ich. Ich vertraue darauf, dass die S-Bahn f\u00e4hrt und die L\u00e4den zu den Gesch\u00e4ftszeiten offen haben. Ich vertraue darauf, im Fall von Schwierigkeiten jedweder Art irgendeine gangbare L\u00f6sung zu finden. Ich vertraue meinem Mann. Ich vertraue meinen Geistern, dass sie mich f\u00fchren und leiten. 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