{"id":280,"date":"2025-05-04T12:36:56","date_gmt":"2025-05-04T12:36:56","guid":{"rendered":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/?page_id=280"},"modified":"2025-05-24T19:52:32","modified_gmt":"2025-05-24T17:52:32","slug":"ich-hatte-einen-bruder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/ich-hatte-einen-bruder\/","title":{"rendered":"Ich hatte einen Bruder"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p>Ich hatte einen Bruder.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiger Satz! Ich hatte keinen Bruder. Ich war ein Einzelkind. F\u00fcnfzig Jahre lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann aber kamen, durch die d\u00fcnner gewordenen Schleier hindurch, Wahrnehmungen, Eindr\u00fccke, Fragmente. Ich, in tiefster Verzweiflung: &#8222;Wie konntest du mich verlassen??!&#8220; Ein Ozean an Einsamkeit. V\u00f6llige, absolute, unstillbare Einsamkeit. Ein Schmerz, der alles zerrei\u00dft, so vollkommen unertr\u00e4glich, dass ich jedes Mal entweder mit Klauen und Z\u00e4hnen und bis auf den letzten Zentimeter gegen ihn angek\u00e4mpft habe &#8211; oder vor ihm geflohen bin, buchst\u00e4blich bis ins Jenseits. Schmerz an der Grenze zum Wahnsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lie\u00df meine Wahrnehmungen \u00fcberpr\u00fcfen, und sie wurden best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen besteht kaum noch ein Zweifel f\u00fcr mich. Ich hatte einen Zwilling, einen Zwillingsbruder, der wohl um den dritten oder vierten Schwangerschaftsmonat herum gestorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass so etwas \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, davon hatte ich \u00fcberhaupt erst ungef\u00e4hr ein Jahr zuvor geh\u00f6rt &#8211; und, um ehrlich zu sein, ich hielt es f\u00fcr reichlich abwegig. Mir erschien das wie eine ausgedachte Erkl\u00e4rung f\u00fcr was auch immer &#8230; &#8222;oh mein Gott, mir tut der linke kleine Zeh weh, ich hatte sicherlich einen verlorenen Zwilling &#8230;&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sehr tiefe Traumatisierung w\u00fcrde er in mir sehen, sagte mir jemand. Wer, ich? Traumatisiert? Nein. Ich doch nicht. Andere haben viel Schlimmeres erlebt. Wie k\u00f6nnte ich das sagen, meinte er, wenn ich noch gar nicht w\u00fcsste, <em>was<\/em> ich erlebt habe?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ja &#8230; neugierig wie ich bin, stieg ich in die Literatur ein, stie\u00df auf Peter Levine (Sprache ohne Worte) &#8211; und fand das, was da stand, erschreckend. Erschreckend zutreffend. Und tats\u00e4chlich kam ich auf die Dauer nicht an der Tatsache vorbei, dass da ein immenser Schmerz war (und ist) und ich um ziemlich jeden Preis vermied, damit in Ber\u00fchrung zu kommen. Lange aber blieb weiter unklar, woher dieser Schmerz kam. V\u00f6llig \u00fcberw\u00e4ltigend war er, aber es gab keine Bilder, keine wirklich brauchbaren Informationen dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kamen die oben beschriebenen Wahrnehmungsfetzen, und ich ging wieder auf die Suche nach Literatur. Dass Barbara Schlochow nebenbei die Schwester einer fr\u00fcheren schamanischen Lehrerin von mir ist, war weniger relevant als das, was sie geschrieben hat (Gesucht: Mein verlorener Zwilling; ich beziehe mich auf die erweiterte Neuauflage von 2017). In einem Nebensatz wurden dort Kontraktionen in der Zwerchfellgegend erw\u00e4hnt. Genau solche Kontraktionen waren (und sind) mein st\u00e4ndiger Begleiter seit einer Serie von Ereignissen vor etwa vier Jahren, die ich im Nachhinein als Reaktivierung des urspr\u00fcnglichen Traumas betrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so fielen dann pl\u00f6tzlich ganz viele Puzzlest\u00fccke an ihren Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich hat sogar meine Berufswahl hat auf diese Weise eine tiefere Erkl\u00e4rung gefunden. F\u00fcr die gibt es nat\u00fcrlich auch nachvollziehbare \u00e4u\u00dfere Gr\u00fcnde, aber der Zusammenhang ist trotzdem frappierend. Ich arbeite seit f\u00fcnfundzwanzig Jahren freiberuflich als Berufsgenealogin. Was tut ein Genealoge? Er sucht Menschen: Vorfahren, Nachkommen, Erben, leibliche Eltern, Verwandte. Nicht immer, aber meistens sind die Gesuchten schon tot. &#8230; Ich habe die ganze Zeit meinen verlorenen Zwilling gesucht &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Monaten habe ich versucht, den Zwilling zu verabschieden &#8211; was nicht wirklich funktioniert hat. Ich habe versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen &#8211; was bisher auch nur eingeschr\u00e4nkt funktioniert. Er hat einen Namen (den definitiv weder ich noch meine Eltern ausgesucht h\u00e4tten, der aber bei genauerem Hinsehen sogar fast Sinn ergibt) und eine Kerze auf meinem Altar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe gefragt, warum er da war und gegangen ist. Die Antwort war, dass es darum ging, mir Liebe und Schmerz zu zeigen. Und das, ja, wahrhaftig, das ist genau das, was gerade passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe in den vergangenen Monaten mehrfach noch einmal erlebt, durchlebt, erfahren, wie es f\u00fcr mich war, damals, als das passiert ist. Aus dem Verlassensein in den Schmerz, von dort in die Bet\u00e4ubung &#8211; und dann in den Tod. Aus der Einsamkeit in die abgrundtiefe Verzweiflung und schlie\u00dflich bis auf Millimeter vor dem eigenen tats\u00e4chlichen Tod. Ich habe damals, noch im Bauch, im Wortsinn versucht, mir das Leben herauszurei\u00dfen, es herauszukratzen, um ihm zu folgen. Was, offensichtlich, nicht funktioniert hat, denn sonst w\u00e4re ich nicht hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenbei habe ich dann noch begriffen, dass es da ein gro\u00dfes Problem mit Vertrauen gibt. Offenbar habe ich diese Welt nie wirklich als sicher betrachtet. Nat\u00fcrlich vertraue ich, das schon, und auch das schamanische Arbeiten hat \u00fcber die Jahre daf\u00fcr gesorgt, dass ich mich der F\u00fchrung durch die geistigen Welten an-vertrauen kann. Doch immer wieder kommt es zu Situationen, in denen dieses Vertrauen in die Welt von einem Moment auf den anderen fundamental ersch\u00fcttert wird. Untendrunter ist also ein Kern von Nicht-Vertrauen, basierend auf dem Gef\u00fchl, verraten worden zu sein. Ich bin noch nicht sicher, wo das herkommt: vom Verlust des Zwillings? Oder ist es eher ein Gef\u00fchl, die Welt h\u00e4tte mich verraten, nachdem sie mir nicht einmal zugestanden hat, mich selbst umzubringen und dem Zwilling zu folgen?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Verzweiflung habe ich damals beschlossen, von nun an alleine zurechtzukommen, unter allen Umst\u00e4nden und um jeden Preis alleine stark zu sein. Dieses Streben zieht sich in der Tat durch mein ganzes Leben, durchaus zum Leidwesen mancher meiner Mitmenschen. Doch jetzt erst, endlich, verstehe ich, warum das so ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment ist der Schmerz immer noch wie ein Tunnel, an dessen Ende das Licht noch nicht einmal zu sehen ist. Ein Mandala, das ich vor einigen Monaten nach einer Sitzung Holotropes Atmen gemalt habe, ist komplett schwarz. In der Runde habe ich dann noch gesagt, ich h\u00e4tte beim Malen \u00fcberlegt, wenigstens pro forma ein Licht in das Bild einzubauen &#8211; aber das war nicht m\u00f6glich, da war keines.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon klar: Der Weg hinaus ist der Weg hindurch. Das gilt f\u00fcr den Schmerz ebenso wie f\u00fcr die Sachen mit dem fehlenden Vertrauen und mit der Notwendigkeit, alleine stark zu sein. Beides scheint nur auf einem Weg aufl\u00f6sbar zu sein: wenn ich einerseits mir dieser Verzweiflung, der Einsamkeit, des <em>Nichts<\/em> vollkommen bewusst bin und es bedingungslos akzeptiere; und andererseits eben aus diesem <em>Nichts<\/em> heraus eine bewusste Entscheidung treffe. F\u00fcr Vertrauen. Daf\u00fcr, die Dinge nicht immer alleine zu machen. F\u00fcr das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und &#8230; so schwierig der Weg ist: ich bin unendlich dankbar f\u00fcr das, was ich in den vergangenen Monaten lernen und erfahren durfte. Ich bin meinem Zwilling dankbar f\u00fcr das, was er f\u00fcr mich getan hat. Ich bin, auch wenn das paradox klingt, meinem ehemaligen schamanischen Lehrer zutiefst dankbar f\u00fcr die krassen &#8211; um nicht zu sagen grenzwertigen &#8211; Erfahrungen, durch die ich in dem Kreis dort gegangen bin, denn ohne sie w\u00e4re mir die Sache mit dem Zwilling nicht zug\u00e4nglich geworden. Ich bin dem Leben, ich bin mir selbst dankbar daf\u00fcr, dass es mir m\u00f6glich ist, diesen Weg zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Herbst 2018)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte einen Bruder. Was f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiger Satz! Ich hatte keinen Bruder. Ich war ein Einzelkind. F\u00fcnfzig Jahre lang. Dann aber kamen, durch die d\u00fcnner gewordenen Schleier hindurch, Wahrnehmungen, Eindr\u00fccke, Fragmente. 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