{"id":290,"date":"2025-05-04T12:41:21","date_gmt":"2025-05-04T12:41:21","guid":{"rendered":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/?page_id=290"},"modified":"2025-05-24T20:20:15","modified_gmt":"2025-05-24T18:20:15","slug":"verbundenheit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/verbundenheit\/","title":{"rendered":"Verbundenheit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p>In einer jener beim Friseur und an \u00e4hnlichen Orten unvermeidlichen Frauenzeitschriften las ich letzte Woche, von den Menschen werde heutzutage einerseits ein ausgesprochen vern\u00fcnftiges Leben erwartet &#8211; gesundes Essen, Sport, Ausgeglichenheit -, andererseits zeige sich aber eine Tendenz zum &#8222;kontrollierten Exzess&#8220;, zu Ausfl\u00fcgen in den Kontrollverlust und in die Ma\u00dflosigkeit dann, wenn es erlaubt scheine, etwa beim Fasching. Grund sei die Sehnsucht nach Leidenschaft, Hingabe und dem &#8222;wirklichen Leben&#8220;, nach intensiven Gef\u00fchlserfahrungen, die f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben notwendig seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Woche habe ich miterlebt, wie beim F\u00fcnf-Rhythmen-Tanzen ein Raum gesteckt voll mit rund hundert Menschen mit wenigen Ausnahmen buchst\u00e4blich in Ekstase geriet. Uns selber zu sp\u00fcren, das war eine der Aufforderungen, die im Laufe des Abends an die Tanzenden ergangen waren. Und zumindest zwei der Anwesenden brachen im weiteren Verlauf in Tr\u00e4nen aus, ohne dass es irgendeine Rolle zu spielen schien, dass dies unter Wildfremden geschah. Eine ganz erstaunliche N\u00e4he entstand, fast ohne Worte, ohne jede Erwartung oder Forderung, ohne Hintergedanken &#8211; zumindest war das mein Eindruck. Mich erinnerte das an die Atmosph\u00e4re bei schamanischen Seminaren und \u00e4hnlichen Veranstaltungen, die mich schon seit Jahren fasziniert. Oft wissen wir so gut wie nichts \u00fcber unsere Gegen\u00fcber, \u00fcber das Umfeld, in dem sie leben &#8211; und doch lernen wir sie in gewisser Weise besser kennen und kommen ihnen n\u00e4her als vielen Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung. Und diese N\u00e4he f\u00fchlt sich gut an, sie macht uns klar, dass wir, ob wir wollen oder nicht, in unserem Alltagsleben meist mit einer Maske herumlaufen, dass uns dort oft ein St\u00fcck Ehrlichkeit fehlt &#8211; welches wir aber gleichzeitig schmerzlich vermissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns selbst also wollen wir sp\u00fcren, mit uns selbst verbunden sein. Doch paradoxerweise geht das f\u00fcr viele Menschen offenbar nur in Ekstase, in einem Zustand, in dem wir uns definitionsgem\u00e4\u00df au\u00dferhalb von uns befinden, au\u00dferhalb des kontrollierten Rahmens, mindestens aber au\u00dferhalb des Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Lehrerin hat einmal gesagt, wir seien auf der Erde, um Gef\u00fchle zu erleben &#8211; doch um es etwas komplizierter zu machen, habe der liebe Gott uns dazu noch den Verstand geschenkt. Unverstellt uns selbst und unsere Emotionen zu sp\u00fcren, das ist es, wonach wir streben &#8211; und gleichzeitig stehen wir uns selbst im Weg, brauchen den Umweg \u00fcber Grenzerfahrungen, um da hinzukommen, wo wir eigentlich schon immer hinwollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Freundin hat auf die Frage, warum sie schamanisch arbeiten will, einmal gesagt, weil sie sich dann lebendig f\u00fchle. Ich fand diese Aussage zun\u00e4chst ziemlich befremdlich &#8211; f\u00fchlt man sich sonst nicht lebendig? Ist es legitim, schamanisches Arbeiten f\u00fcr andere als ein Vehikel f\u00fcr das eigene Wohlbefinden zu nutzen? Meine eigene Suche nach dem Motiv, warum ich selbst schamanisch arbeiten will, f\u00fchrte mich schlie\u00dflich zu der Erkenntnis, dass es die Sehnsucht nach dem Verbundensein ist. Nat\u00fcrlich <em>wissen<\/em> wir, dass alles mit allem verbunden ist, schlie\u00dflich ist das die Grundvoraussetzung schamanischen Arbeitens. Wir k\u00f6nnen es aber nicht immer <em>sp\u00fcren<\/em>. Und so kam ich schlie\u00dflich darauf, dass es auch mir im Kern darum geht, mich lebendig zu f\u00fchlen, genau wie die Freundin das gesagt hat. Das Verbundensein mit allem, was ist, allem, was lebt, ist der tiefste Ausdruck von Lebendigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es ist dieses Verbundensein, das Abwerfen unserer allt\u00e4glichen Masken, in dem wir nicht nur allem, was ist, am n\u00e4chsten kommen, sondern auch uns selbst &#8211; wodurch schamanisches Arbeiten \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich wird. Schamanisches Arbeiten geht nur, wenn wir jegliche Maske fallen lassen, nur dann, wenn wir voll und ganz und in vollem Bewusstsein wir selber sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gleichzeitig &#8211; eine der vielen Paradoxien im Schamanischen &#8211; genau das nicht sind. Denn das Au\u00dfer-Sich-Sein, die Ekstase, der Verlust der Kontrolle geh\u00f6ren ebenfalls dazu; darauf hat schon Mircea Eliade hingewiesen. &#8222;Wenn du nicht bei dir bist, machst du richtig gute Arbeit&#8220;, hat einer meiner Lehrer mal gesagt. Wenn ein Geist durch mich wirkt, dann bin es nur noch teilweise ich, die da etwas tut, doch auf der anderen Seite ist ein tieferer Zustand von Verbundenheit mit den Geistern, mit den Menschen, mit allem, kaum vorstellbar. Ohnehin funktioniert schamanisches Arbeiten &#8211; zumindest f\u00fcr mich, die ich normalerweise ziemlich kopfgesteuert bin &#8211; dann am besten, wenn ich meinen Verstand solange irgendwo parke und ihm nach M\u00f6glichkeit nicht einmal die Rolle des kommentierenden Beobachters zubillige. Mitten in einer solchen Situation, es mag eine Extraktion gewesen sein, wurde ich einmal angesprochen. Zwar bekam ich zun\u00e4chst nicht wirklich mit, was der Sprecher von mir wollte, aber ich fiel prompt aus diesem &#8222;anderen&#8220; Zustand heraus, sp\u00fcrte erstaunt, wie sich die Fokussierung meiner Augen v\u00f6llig ver\u00e4nderte und der Verstand wieder einrastete, zumindest f\u00fcr einige Momente. Erst dadurch wurde mir \u00fcberhaupt bewusst, wie anders dieser &#8222;andere&#8220; Zustand ist. Es ist auch nicht der Trancezustand, wie wir ihn aus schamanischen Reisen kennen, es ist ein Drittes irgendwo dazwischen und gleichzeitig mit viel weniger Ichbewusstsein als das Reise- und das Alltags-Sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kurze Seitenbemerkung: Weil dieser Zustand so &#8222;anders&#8220; ist, ist es kein Wunder, dass nicht nur ich immer wieder feststelle, mich hinterher fast nicht an die Details des Arbeitens erinnern zu k\u00f6nnen. Damit w\u00e4re gleichzeitig bewiesen, dass die auch in der ethnologischen Literatur beschriebene &#8222;schamanische Amnesie&#8220; eben doch keine Schutzbehauptung von Schamanen in traditionellen Gesellschaften ist, um den Abstand von Ehrfurcht und Fremdheit zwischen dem Schamanen und dem Klienten aufrechtzuerhalten, sondern reale Folge des Arbeitens. Manchmal werde ich nach dem Arbeiten angesprochen und gefragt, wie genau dieser oder jener Satz gelautet habe oder was genau da und da passiert sei &#8211; und ich wei\u00df teilweise nicht einmal mehr genau, f\u00fcr wen ich eigentlich gearbeitet habe in der Nacht, ganz zu schweigen davon, dass ich auf Anhieb w\u00fcsste, was ich gesagt oder getan h\u00e4tte. Manches f\u00e4llt mir dann schon wieder ein, aber die Erinnerung bleibt bruchst\u00fcckhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu meiner Frage, warum ich schamanisch arbeiten will: Bin ich einfach nur auf der Suche nach dem &#8222;Kick&#8220; und dem Kontrollverlust wie diejenigen, die im Fasching \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen, oder die, die sich mit einem Bungee-Seil von einer Br\u00fccke st\u00fcrzen? Bin ich doch ein Fall von &#8222;Hausfrauen-Schamanismus&#8220;, geh\u00f6re also zu jenen, die sich in der Mitte ihres Lebens fragen, ob das mit Beruf, Kind, Haushalt jetzt alles war, und ihre nicht ausgelasteten Kapazit\u00e4ten auf schamanischen Wochenendseminaren ausleben? Wobei ich zugeben muss, dass diese Frage mich schon umgetrieben hat in den letzten Jahren, und der Umstand, dass das Kind in der Tat fast schon aus dem Haus ist, erleichtert die Dinge ungemein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein. Ich glaube im Gegenteil, dass der Kern der oben beschriebenen Suche nach Leidenschaft, Hingabe, tiefen Emotionen und dem &#8222;wirklichen Leben&#8220; letztlich ganz dieselbe Sehnsucht ist, die auch mich treibt: das Streben danach, das Verbundensein im tiefsten Inneren zu sp\u00fcren. Ob wir nun diese Verbundenheit im Au\u00dfen suchen oder im Inneren, das bleibt uns letztlich selbst \u00fcberlassen. Ich jedenfalls bin zutiefst dankbar, dass ich im Schamanischen den Weg gefunden habe, das Verbundensein, die Verbindung von mir zu allem, was ist und lebt, so unmittelbar zu erfahren &#8211; und das auch noch in der Arbeit f\u00fcr andere tun zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitakuye oyacin!<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; So froh und dankbar war ich, endlich verstanden zu haben. Doch dann kam wieder einer dieser S\u00e4tze aus der Geisterwelt, pr\u00e4gnant, tiefgr\u00fcndig, unerwartet, die Dinge komplett in ein anderes Licht r\u00fcckend: &#8222;Du bist vollkommen allein.&#8220; Allein? Wo ich doch gerade zu dem Schluss gekommen war, dass es meine Sehnsucht nach Verbundenheit ist, die mich treibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod, so haben meine Geister mehrfach gesagt, ist der Ursprung allen Lebens und &#8222;unser aller Heimat&#8220;, letztlich die grundlegendste Form von Verbundenheit. Die Geburt hingegen ist es, die unmittelbar zum Alleinesein f\u00fchrt. Leben ist Getrenntsein, schon dadurch, dass wir in separaten K\u00f6rpern und mit separatem Ichbewusstsein unterwegs sind. Wir haben uns daf\u00fcr entschieden zu leben, als Menschen zu leben, um jene Erfahrungen zu machen, die nur so m\u00f6glich sind &#8211; und dazu geh\u00f6rt die Verbundenheit, die wir mit eben dieser Entscheidung verlassen haben und nach der wir uns dennoch so sehr sehnen. Sie k\u00f6nnen wir nur dann bewusst leben, wenn sie nicht automatisch da ist, wenn wir uns jedes Mal ausdr\u00fccklich in dieses Kontinuum des Alles-ist-mit-allem-verbunden zur\u00fcckbegeben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Sommer 2015)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:25%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer jener beim Friseur und an \u00e4hnlichen Orten unvermeidlichen Frauenzeitschriften las ich letzte Woche, von den Menschen werde heutzutage einerseits ein ausgesprochen vern\u00fcnftiges Leben erwartet &#8211; gesundes Essen, Sport, Ausgeglichenheit -, andererseits zeige sich aber eine Tendenz zum &#8222;kontrollierten Exzess&#8220;, zu Ausfl\u00fcgen in den Kontrollverlust und in die Ma\u00dflosigkeit dann, wenn es erlaubt scheine, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":287,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-290","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/290","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=290"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/290\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1054,"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/290\/revisions\/1054"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zaunreiterin.eu\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}