Seit Wochen – es ist Ende Februar 2026 – befinden sich größere Teile der Welt in einer Art Dauergruselzustand. Eine neue Tranche der „Epstein-Files“ wurde vom US-amerikanischen Justizministerium online gestellt, teils geschwärzt zwar, aber immer noch mit einer unüberschaubaren Menge an Material.
Seitdem herrscht Entsetzen. Das Entsetzen ist völlig verständlich, und mir geht es auch nicht anders. Es geht um verkaufte Kinder, um Orgien, völlige Menschenverachtung. Vertreter der globalen Elite, verwickelt in Taten, die eigentlich gar nicht wahr sein können.
Trotzdem greift es zu kurz.
Einerseits bin ich froh über die Veröffentlichung, denn von nun an kann niemand mehr sagen, man habe ja nichts gewusst. Bei veröffentlichten Berichten von Betroffenen, etwa von Fiona Barnett („Eyes Wide Open“), blieb bisher auch bei mir ein kleiner Rest Zweifel übrig: kann das wirklich sein? Die Epstein-Files dagegen enthalten Mailtraffic, Flugdaten, Notizen. Inhalt dieser Art war nie zur Veröffentlichung bestimmt, ihm fehlt deshalb die Absicht, die Orientierung auf den beim Schreiben einer zukünftigen Veröffentlichung immer mitgedachten Leser. In der Sprache der Geschichtstheorie: „Überreste“ (im Sinne von unabsichtlichen Zeugnissen) versus „Tradition“ (im Sinne von interpretierender Darstellung).
Dass die Veröffentlichung durch das Justizministerium dann doch Interpretation darüberlegt, in Form von Darstellung, Auswahl wie von Schwärzungen, ist eine andere Sache. Und natürlich lässt auch der Inhalt der Mails erheblichen Spielraum für Interpretation (von „meinen die das wirklich wörtlich?“ bis hin zum Gegenteil: „wofür steht dieses Codewort?“). Drittens dürften außerdem erhebliche Mengen an Fakes durch die sozialen Medien geistern.
Unter dem Strich bleibt aber: die Files – jedenfalls die auf der Seite des Justizministeriums – sind absolut ernstzunehmen.
Wie gesagt: das Entsetzen ist eine völlig natürliche Reaktion auf den Inhalt dieser Files, und mir geht das ganz genauso. Eigentlich ist Entsetzen fast noch ein zu schwaches Wort. Es sind unvorstellbare Abgründe, die sich da auftun.
Aber andererseits liegt genau darin auch eine Gefahr, gerade aus europäischer und deutscher Perspektive. Die Gefahr besteht darin, dass man glaubt, alles drehe und wende sich um eine einzige zentrale Figur, die auch noch erstens tot und zweitens weit weg ist.
Das Entsetzen, das viele gerade umtreibt, ist das Entsetzen vor dem, was irgendwo da draußen ist, nicht vor dem, was überall unter uns ist. So Kommentare wie „wenn das meiner Tochter passieren würde …“ denken irgendwo im Hintergrund mit, dass es der Tochter ja nicht passiert, weil die ist ja hier und nicht da draußen.
Lars Koehne, ein Schamane, den ich sehr schätze, hat wenige Tage nach Veröffentlichung der Files einen Hashtag unter einen diesbezüglichen Post gesetzt, „nichtmeinstamm“. Ich unterstelle ihm definitiv nicht, dass er es so meint, aber der Hashtag kann wieder zu kurz gegriffen verstanden werden: ich habe damit nichts zu tun, ich will damit nichts zu tun haben.
Oder diejenigen, die beispielsweise zu einem vor wenigen Tagen erschienenen, hörenswerten Interview mit der Traumatherapeutin Michaela Huber kommentieren, sie hätten das Zuhören abgebrochen, weil es so furchtbar sei. Ja, ist es. Das Furchtbare geht allerdings nicht weg, wenn man sich abwendet.
Und irgendwo ist da immer ein „ich hier“ und „da die fürchterlich armen Opfer“. Eine Distanzierung. Nur: solange wir in dem Entsetzen hängen, sehen wir die Betroffenen letztlich genauso wenig wie vorher. Was in der Gesellschaft völlig fehlt, ist die Erkenntnis, dass diese Betroffenen mitten unter uns sind. Sein müssen. Denn auch die Täter sind mitten unter uns, es ist ja nicht nur die globale Elite beteiligt. Und ich habe mich schon manchmal gefragt, wieviele von denen, die da jetzt so völlig entsetzt kommentieren, selbst Betroffene sind, ohne das zu wissen, weil die Erinnerung komplett dissoziiert ist.
Die einzigen, die das Ausmaß und die Tragweite wirklich ansprechen, sind zum einen diejenigen Überlebenden selbst, die sich erinnern (was wie gesagt bei weitem nicht alle tun!), und die so weit Heilung gefunden haben, dass sie ihre Stimme erheben können (auch das dürfte eine kleine Minderheit sein), wie etwa bei einer Demo von Überlebenden letzte Woche in Berlin. Und zum anderen sind es diejenigen, die als Therapeuten oder Heiler mit dem Thema konfrontiert werden, immer wieder gezwungen, ihren eigenen Bezugsrahmen, ihre eigene Wahrnehmung immer noch weiter auszudehnen auf das, was eigentlich un-denkbar, un-vorstellbar ist.
Natürlich ist es entscheidend wichtig, auf allen verfügbaren gesellschaftlichen Ebenen dafür zu sorgen, dass diese Dinge eben nicht passieren. Aber zumindest aus meiner persönlichen Perspektive steht etwas anderes im Vordergrund. In allererster Linie braucht es diejenigen, die sich berühren lassen, anstatt in die Abwehr zu gehen. Die den Raum halten für die Betroffenen. Die sie sehen, die ihnen glauben, die das Gehörte und Gesehene bezeugen – immer und immer wieder bezeugen -, die im Kreis stehen und all das halten, was eigentlich un-haltbar ist. Die für das Leben kämpfen. Immer und immer wieder. Die sich um die zersplitterten Seelen kümmern.
