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Medizinrad

Medizinräder sind Landkarten. Mit ihnen können die Elemente und Bestandteile der Natur und des Lebens in Beziehung gesetzt werden - zueinander, zum Ganzen, zum Betrachter. Sie enthalten alles. Und weil das so ist, können wir Antworten in ihnen finden, Antworten auf Fragen, die sich im Leben stellen.

Zunächst symbolisiert das Medizinrad die Jahres- und dann auch die Tageszeiten, und zwar nicht linear, sondern im Kreislauf des Lebens. Auch unsere europäischen Vorfahren - und nicht nur "Naturvölker" - haben viel stärker im und mit dem Kreislauf der Natur gelebt, als wir das in der westlichen Zivilisation jetzt tun. Die Jahreskreisfeste orientieren sich an diesem Kreislauf, machen ihn er-lebbar.

Eigentlich ist das Medizinrad aber eher eine Spirale als ein Kreis. Das Leben wiederholt sich zwar in immer denselben Zyklen, jedoch niemals genau gleich. Sonnenaufgänge sind jeden Tag gleich und doch jedes Mal anders. Eine Pflanze hat nicht jedes Jahr genau dieselben Blüten. Ein Baum wächst. Ein Kind lernt ständig dazu; sein kleiner Bruder oder seine kleine Schwester wird zwar dieselben Entwicklungsstufen durchlaufen, aber trotzdem ganz anders sein. Die Spirale ist die dreidimensionale Version des Medizinrades.

Das Medizinrad ist auch - und vor allem - ein Lebensrad, auf dem wir wandern können: von der Zeugung über Geburt, Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter bis zum Tod und zum Übergang in eine andere Daseinsform. Ebenso wie die Kindheit von anderen Gefühlen und Tätigkeiten geprägt wird als das Erwachsenenleben, finden sich auch die verschiedenen Daseinsebenen des Menschen an verschiedenen Stellen im Medizinrad: Körper, Emotionen, Verstand und Geist (im Sinne von Spirit). Diese menschlichen Daseinsebenen wiederum finden ihre Entsprechungen in den Elementen und deren Eigenschaften: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Die Zuordnung vor allem der Elemente zu den Himmelsrichtungen ist dabei ein Stückweit willkürlich. Auch eine Landkarte bildet zwar die Wirklichkeit ab, aber eben immer nur bestimmte Aspekte dieser Wirklichkeit, und die Art, sie zu lesen, beruht auf einer Übereinkunft: der Zeichenerklärung. Mit dieser Zeichenerklärung zusammen funktioniert die Landkarte genau so, wie sie soll - jedoch unter einer Voraussetzung: ich finde den Weg nur, wenn ich mich auch wirklich auf die Wanderung mache. Eben das gilt auch für das Medizinrad.

In jedem Fall sind alle Qualitäten - Jahreszeiten, Lebensphasen, Daseinsebenen, Elemente - im Medizinrad spürbar. Wir fühlen uns an einem bestimmten Platz gut oder weniger gut, voller Energie oder kraftlos, und an einem anderen Platz im Rad vielleicht genau andersherum. Wir spüren vielleicht einen Widerstand, gar die Unmöglichkeit, zur nächsten Position weiterzugehen. Sicher zieht es uns in eine bestimmte Richtung, zeigt uns, was uns in unserem Leben gerade fehlt oder womit wir uns besonders wohlfühlen. Wenn wir das Medizinrad betreten mit unserer Frage, mit der Absicht, eine Antwort zu finden, überschreiten wir eine Schwelle in einen heiligen Raum. Deshalb findet sich darin die Antwort auf die Frage, die wir uns gestellt haben. Ebenso wie bei einer Medizinwanderung befinden wir uns nur noch teilweise in der alltäglichen Welt; ein Teil von uns hat intensiveren Kontakt aufgenommen zu Allem-was-ist, und entsprechend kann alles, was wir dabei wahrnehmen, Teil der gesuchten Antwort sein.

Hierzulande wird meist gesagt, das Medizinrad stamme aus der Tradition der amerikanischen Ureinwohner. Es ist richtig, dass es in den nördlichen USA und in Kanada runde Steinstrukturen gibt, von denen manche auf ein Alter von mehreren tausend Jahren geschätzt werden. Ihr Zweck ist unbekannt, doch man nimmt an, dass sie zeremonielle Bedeutung hatten. Die heute verwendeten Medizinräder haben aber wenig Ähnlichkeit mit diesen archäologischen Strukturen. Sie wurden erst seit den 1970er Jahren vor allem von Hyemeyohsts Storm und Sun Bear bekannt gemacht.

Nun kann man dazu stehen, wie man will. Tatsache bleibt, dass es sich um eine für den Menschen universell gültige Struktur handelt, und das Bild des vier- oder mit Zwischenrichtungen achtspeichigen Rades findet sich entsprechend in vielen Kulturen, etwa auch im Buddhismus. Die Universalität ergibt sich aus der Anatomie des Menschen selbst: der Betrachter im Mittelpunkt, rundherum der Kreis, wie ihn die Arme beschreiben können; und die Richtungen, wie sie uns vorgegeben sind: vorne, hinten, rechts, links, oben, unten - und innen.

Wirklich wirksam wird es aber erst durch unsere Absicht, die das Medizinrad zu jenem heiligen Raum macht.


Medizinrad
Medizinrad in Wyoming
© Sabine Schleichert, 2013