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Dankbarkeit

Ich habe gerade zwei Tage lang geheult aus Dankbarkeit. Nun ja, nicht die ganze Zeit - ich war zwischendurch auch einkaufen, habe mit der Familie Fernsehen geschaut, Büroarbeit gemacht, es nicht mehr ins Archiv geschafft, mit Schrecken begriffen, dass es diese Woche einen Feiertag gibt, an dem dann natürlich alles zu ist. Ganz normaler Alltag. Schamanisch gearbeitet habe ich auch. Dieses tief gerührte Gefühl von Dankbarkeit war im Hintergrund immer da. Dabei weiß ich nicht einmal genau, wofür ich eigentlich dankbar bin. Es ist eine sehr grundlegende Dankbarkeit. Heute in der Zeitung fand ich den Satz: "Ich danke dem Leben." Ja, genau so. Freude und Dankbarkeit über das so unglaubliche Geschenk, leben zu dürfen, wir alle, jeder einzelne von uns.

Es ist jetzt die Zeit um Mabon herum, das mittlere der drei Erntefeste. Und so wird mir klar, worum es eigentlich geht beim Erntedank, beim Dank für die Ernte.

Im vergangenen Winter gab es eine Zeit, die für mich sehr dunkel war, beherrscht von der Notwendigkeit, aus der ganzen eigenen Kraft heraus eine klare Entscheidung zu treffen, und gleichzeitig der Unfähigkeit, das zu tun, dem Gefühl der Unzulänglichkeit, des Nicht-gut-genug-Seins. Beim Fest zur Wintersonnenwende sprach jemand in der großen Runde über Dankbarkeit, darüber, dass man nichts erreicht mit "ich will, ich brauche" - denn darin steckt der Mangel -, wohl aber mit Dankbarkeit für das, was man hat und ist. Jemand anders erzählte die Geschichte von Swabedoo, jene Geschichte, in der sich die Bewohner eines Dorfes ständig gegenseitig Fellchen schenken und glücklich sind mit sich und der Welt, bis ein Kobold ihnen einredet, dass die Fellchen sicher bald ausgehen werden - und wenig später ist das Leben im Dorf beherrscht von Angst, Neid und Unglücklichsein. Die Probleme fangen erst dadurch an, dass man etwas als Mangel begreift und aus dem Mangel heraus handelt, nicht aus der Fülle heraus. Im Nachhinein betrachtet waren diese Erkenntnisse für mich der erste Schlüssel für den Weg aus der Dunkelheit heraus.

Eine meiner andersweltlichen Lehrerinnen hat mich kürzlich zurechtgewiesen (genaugenommen hat sie mir buchstäblich eine Ohrfeige verpasst): ich sollte nur dann danken, wenn es auch wirklich angebracht sei; und in meinem Dank würde noch zu viel Verstand und Ego stecken. Sie hat Recht: wenn wir den Worten keinen Inhalt und keine Tiefe verleihen, dann bleiben sie leer, ist das "ich danke" stärker ein "ich danke".

Dankbarkeit aus tiefstem Herzen heraus, mit jeder Faser unseres Seins, für das, was uns geschenkt ist: für das Leben, die Fülle. Für die Möglichkeit, unseren Weg zu gehen, für jeden einzelnen Schritt auf diesem Weg, auch für jeden einzelnen Schlenker und Umweg, jede Prüfung. Denn jeder einzelne Schritt ist nur denkbar als Folge und Fortsetzung der zuvor getanen, die uns eben dorthin geführt haben. Dankbarkeit für die Dinge, die passieren dürfen - dadurch, dass wir sie zulassen, in aller Demut und aller Hingabe.

Darum geht es.

Noch völlig erfüllt von all dieser Dankbarkeit, ziehe ich eine Karte aus dem Wild Wood Tarot - und erwische den Schwan. Der wird dort assoziiert mit Leid, Mangel und Knappheit. Was für ein Wink mit dem Zaunpfahl! Vergiss in der Fülle nie die andere Seite. In jeder Qualität ist immer auch der Kern des Gegenteils, denn wenn wir ihr Gegenteil nicht sehen, sehen wir auch sie nicht. Es ist Tag- und Nachtgleiche, Gleichgewicht zwischen Hell und Dunkel. Auch das ist Mabon. Und auch dafür bin ich dankbar.

Pilamayaye!
© Sabine Schleichert, Herbst 2013